AviKom der NWO Rotating Header Image

VdM 03/2015

Die Zwergtrappe aus der Dingdener Heide

Von Jörg Kremer

Die Dingdener Heide liegt bei Hamminkeln-Dingden auf der Grenze zwischen den Kreisen Wesel und Borken und damit auch auf der Grenze zwischen dem Rheinland und Westfalen.

Im östlichen Bereich der „Heide“ gibt es ein größeres zusammenhängendes Feuchtgrünland, das in den letzten Jahren in Teilbereichen mit Weiden verbuschte. Um den Offenland- Charakter zu erhalten und um den Wiesenlimikolen den benötigten Lebensraum in der Kulturlandschaft zu erhalten, haben ein paar Gleichgesinnte und ich mit mehreren Arbeitseinsätzen den Aufwuchs gefällt und aus der Fläche zur Straße gezogen, wo dieser von örtlichen Landwirten abgeholt wird.

Auch am Samstag, dem 25. Oktober 2014, haben wir wieder Pflegemaßnahmen in der Heide durchgeführt. Der Arbeitseinsatz startete um 9:00 Uhr im Nebel und dauerte etwa 5 Stunden. Nach der schweißtreibenden Arbeit und wegen der kühlen Witterung bin ich nur noch kurz dort geblieben und danach nach Hause gefahren.

Am folgenden Tag, dem 26. Oktober, war ich schon früh im Gelände auf der neuen Beobachtungskanzel, von wo man einen guten Überblick über die östliche Kernzone der Dingdener Heide und über unsere Entbuschungsmaßnahmen hat. Ich hoffte einen Raubwürger zu sehen, von dem es in den letzten Wintern jeweils ein bis zwei Winterreviere im Gebiet gab. Der Würger zeigte sich aber nicht, und es war auch sonst sehr ruhig mit Ausnahme eines sehr großen Trupps Stare.

Beim Durchmustern der Zaunpfähle auf der Suche nach dem Raubwürger flog plötzlich ein recht großer brauner Vogel durch meinen Fernglasausschnitt. Es war eindeutig eine Zwergtrappe (Tetrax tetrax). Die Handschwingenzeichnung ist eindeutig, und ich kenne die Art aus Spanien, aber hier in der Dingdener Heide????? DieTrappe war gelandet und dann für mich nicht mehr zu sehen.

Ich informierte sofort über mein Handy Christoph Aniol von der Entdeckung, danach Werner Bösing, aber da war besetzt. Anschließend rief ich Eckhard Möller an, und der verbreitete die Meldung sofort über den Club300.

Dann klingelte es, ein Anruf von Werner Bösing: „Hast du die Trappe?“.Er stand auf der anderen Seite der Fläche am Raßingvenn und hatte sie beim Durchmustern der Gänse auf der Suche nach beringten Vögeln parallel zu mir entdeckt! Und er hatte sie noch im Sichtfeld!

Also mit dem Auto so schnell es ging rüber auf die andere Seite. Mir schossen viele Gedanken durch den Kopf:

-         bei Hamburg war vor einigen Jahren eine Zwergtrappe,

-         ist der Vogel beringt?

-         wir brauchen Fotos, muss Hans anrufen,

-         die Geräusche, die die modernen Autos machen, wenn man nicht angeschnallt ist, sind schon sehr nervig,

-         warum ist bei dem jetzt besetzt…

Werner hatte die Zwergtrappe im Spektiv, sie stand völlig frei auf der frisch gemulchten Wiese zwischen den Gänsen.Wir konnten keine Beringung feststellen. Der Vogel machte einen körperlich gesunden Eindruck.

Dann riefen Heino Thier und Patrick Kretz an, sie wollten natürlich wissen, ob die Trappe noch da ist und einen genauen Standort. Zwischenzeitig kamen Christoph Aniol, Matthias Bussen, Hans Glader und Matthias Sell, und es sollten noch etwa 40 weitere Beobachter am ersten Tag folgen. Viele von ihnen waren wie ich zwei Wochen vorher noch auf Helgoland.

Ich bekam eine SMS von Eckhard „letzter Nachweis einer Zwergtrappe in NRW 1961“! Das war lange her!!!

Die Kameras ratterten. Der Vogel wurde fotografiert, so gut es ging. Merkmale für eine mögliche Alters- oder Geschlechtsbestimmung bei Jungvögeln fanden wir in den vorhandenen Bestimmungsbüchern nicht.

Die Zwergtrappe wurde durch Rabenkrähen bedrängt und drohte den Krähenvögeln, indem sie leicht nach vorne gebeugt mit hängenden Flügeln nach ihnen schnappte.

Sie sollte drei Tage bleiben und wurde letztmalig von Matthias Bussen am 28. Oktober 2014 gesehen.

In der Zwischenzeit haben wieder zwei Raubwürger ihre Winterquartiere in der Dingdener Heide bezogen, und ein Foto der „Trappe aus der Heide“ in meinem Büro erinnert mich an diesen besonderen Beobachtungstag!

Ähnliche Aufregung konnten kurze Zeit später die britischen Birder erleben, als am Morgen des 18. November 2014 eine Zwergtrappe in West Bexington/Dorset gefunden wurde. Schon am Ende des Tages konnte sie zur Enttäuschung aller nicht wiedergefunden werden. Es war die erste in Großbritannien seit einer am 22. März 2002 auf den Scilly Islands. Die letzte, die von vielen‘Twitchern‘ bewundert werden konnte, war gar im Oktober 1996 in Cornwall (Aus: BirdGuidesWeekly Newsletter 19. November 2014).

Schon knapp sechs Wochen später ging die Hektik wieder los, als am Morgen des 30. Dezember 2014 in den East Guildford Levels in East Sussex wieder eine Zwergtrappe entdeckt wurde (http://www.birdguides.com/webzine/article.asp?a=4843). Sie wurde von nur einem glücklichen Beobachter fotografiert. Am nächsten Tag wurde vielleicht derselbe Vogel in Yorkshire gefunden; er blieb bis zum 1. Januar.

Die britischen Birder gehen davon aus, dass die Zwergtrappen dort, obwohl es im recht nahen südlichen Frankreich und auf der Iberischen Halbinsel Brutvorkommen gibt, aus östlichen Populationen stammen.

Die Zwergtrappe der Dingdener Heide  wurde durch die Avifaunistische Kommission NRW anerkannt. Es war die erste in Nordrhein-Westfalen seit 1961 (Möller 2010)! Hoffentlich dauert es nicht wieder ähnlich lange, bis die nächste irgendwo in unserem Bundesland auf einem Feld steht…

Danksagung

Ich danke Eckhard  Möller für die Informationen zur Trappe, den Fotografen für ihre Fotos sowie für den hervorragenden Bericht zu der Zwergtrappe in der Wedeler Marsch,erschienen in „Seltene Vögel in Deutschland 2011/12“, den ich nach dem ereignisreichen Tag am Abend noch mehrmals gelesen habe.

Literatur:

Möller, E.: Die Zwergtrappen von Nordrhein-Westfalen. Vogel des Monats März 2010. www.nwo-avi.com

Möller, E. (2010): Die Zwergtrappen von Nordrhein-Westfalen. Charadrius 46: 130-132.

Wegst, C. & M. Sommerfeld (2013): Ein neuer Nachweis der Zwergtrappe Tetraxtetraxin Deutschland.Seltene Vögel in Deutschland 2011/12: 70-75.

Anschrift des Verfassers:

Jörg Kremer

Siepenstr. 1

45478 Mülheim/Ruhr